Verfasst von: harDi | 31. Mai 2009

Die Papageiendame

KURZGESCHICHTE. Die Geburtstagstafel für die beschauliche Familienfeier bestand aus sechs Gedecken. Unser Wohnzimmertisch war so voll, dass ich mich fragte, wo in aller Welt Mutter mit ihren drei Torten und dem nun schon traditionellen Napfkuchen bleiben wollte. Schon das Mittag, das übrigens meine Schwester Rita angerichtet hatte – wenngleich auch ohne das Kochbuch dabei aus der Hand zu legen – dieses Essen allein schon hätte ganze Völkerstämme gesättigt. Ihr ungarisches Gulasch war mindestens so scharf wie die Monroe in ihren besten Jahren, …weswegen wir Vater bedauerten, der ausgerechnet an seinem Ehrentag auf das Kantinenessen seines Betriebes angewiesen war.

Ich fand es wurde Zeit, die Geschenke aufzubauen. Dafür war eigentlich mein älterer Bruder Uwe zuständig. Der aber hockte vor seinem weit geöffneten Zimmerfenster und starrte Löcher in die Spätsommerluft. Beiläufig registrierte er meine Anwesenheit und arbeitete an dem letzten Luftloch weiter. Die Musik in seinem Kopfhörer war so laut, das ich einen Moment lang vermutete, er hasse sein Trommelfell. „Wollteste nicht pennen nach´m Mittag?“ , fragte er unter der Beschallung hindurch. „Kannst ja schon mal Geschenke raussuchen…“ Das könnte ihm so passen! Ich warf einen Blick aus dem Fenster hinab auf die Straße, weil ich das Gefühl nicht loswurde, man hatte ihn gerade bis zum Bahnhof gehört. Vielleicht kannte er da ja jemanden und hatte mich gar nicht gemeint?

„Keine Chance, falls du wirklich mich meinst und nicht jemanden von da draußen an der Haltestelle.“ Warum aber sollte jemand, der auf den Bus wartete, Vaters Geschenke raussuchen? Obwohl, wenn da draußen einer war, der Paps kannte… Uwe wäre alles recht gewesen. Aber meine Antwort hätte ich genauso gut in meine Schulmappe hinein plappern können, das Resultat wäre das gleiche gewesen. Mein Bruderherz bewegte seine Denkmurmel nur wie ein kranker Eisbär hin und her und schwieg. Doch als dann Rita seine Bildfläche betrat, riss er sich mit der Kopfbeschallung fast die Lauschlappen vom Stamm. Ich mochte gar nicht an die Lautstärke denken, die erst ein ohrloser Uwe zu hören imstande war.

„Hey, Schwesterchen, dich schickt der Himmel“, scharwenzelte er um sie herum wie ein spitz gewordener Dackel. „Nö, Mutti. Einer von euch“ – dabei warf sie ihm einen Blick zu wie man ein Messer auf jemanden wirft – „…soll den Geschenktisch decken!“ Sie band ihre Schürze ab, was bedeuten sollte: ICH bin fertig mit meiner Arbeit!

Bevor Uwe mit einem erneuten Überredungsversuch aufwartete, trollte ich mich lieber. Im Wohnzimmer stand Mutter mit dem fertig gedeckten Kaffeetisch und der Ananastorte in den Händen und da es aussah, als müsse sie auf diese Weise den restlichen Tag verbringen, nahm ich ihr die Torte vorsichtig ab.

Dann ging alles recht schnell. Die Wohnungsklingel schrillte. Ich erschrak. Die Torte glitt mir aus der Hand in einen der Sessel. Auch gut, dachte ich, damit ist wenigstens zunächst die Platzfrage gelöst. Ich hätte nicht sofort gewusst, wohin mit dem Kuchen. Rita war zuerst an der Tür. Mutter kam dazu und machte tellergroße Augen. Ein älteres Ehepaar das gar nicht mehr aufhören konnte, uns Kinder der Reihe nach zu tätscheln, trat wie selbstverständlich ein und umarmte Mutter. „Das sind wohl Tante Hedwig und Onkel Fritz aus Hamburg, glaub ich.“, raunte Uwe mir zu. „Auch das noch“, zischelte ich zurück. „Was wolln die denn hier? Ham die nix mehr zu essen daheim? Hoffentlich wird das nicht zur Gewohnheit…“ Und wie zur Bekräftigung meiner Vermutung sagte die Frau zu Mutter, es sei doch schön, dass man sich jetzt treffen könne, wo und wie man wolle, da die dumme Mauer endlich weg sei… Ich war mir in diesem Moment nicht so sicher, ob das wirklich so schön war, und musterte die Neuankömmlinge kritisch. Sie trug ein papageienbuntes Kostüm, das so bedrohlich in allen Farben flimmerte, dass ich mich unwillkürlich nach einem Feuerlöscher umsah. Es schien jeden Moment in Flammen aufzugehen. Die Krempe ihres überdimensionalen Hutes war ungefähr so breit wie Schwarzeneggers Schultern und bepflanzter als unser Balkonkasten. Die schreienden Farben der Krawatte des Mannes erinnerten mich sekundenlang an den Kopfhörer meines Bruders.

Nach der Begrüßung hatte jeder von uns den signalroten Lippenstift der Papageientante auf den Wangen. Nun waren wir also als ihr Eigentum gekennzeichnet. Wenig später kam Vater von der Arbeit. Nach der überschwänglichen Begrüßung durch dieses Wesen, dass sich Tante Hedwig nannte, sah ich ihn leise die Hände falten und nach oben blicken. Am Kaffeetisch setzte die Tante aus Platzmangel das Blumenbeet ab, und ich bemerkte, wie ungern sie das tat. Onkel Fritz gähnte mich plötzlich ungeniert von der Seite an, als sei ich sein Zahnarzt. Oder wollte er mir zeigen, dass er seinen Mund leer gekaut hatte und bettelte so um ein neues Stück Torte? Vater, die Hauptperson des Tages, hatte sich in den Tortensessel fallen lassen und war entsetzt auf den Flur gerannt, um seinen Ananashintern fluchend im Spiegel zu betrachten. Plötzlich klingelte das Telefon, laut und schrill wie eine Alarmglocke.

„Mach dich hoch, aber hopp, hopp! Aufstehn, du Schlaffi! Raustreten zum Frühsport!“ Uwe hatte mir den alten Wecker ans Ohr gehalten – das war offensichtlich das Telefon gewesen. Ich rieb mir die Augen und fragte ihn: „ Wie spät ist es?“ Er antwortete nicht und hielt mir den Wecker hin. „ Waas?? Schon fuffzehn Uhr durch? Warum weckt mich keiner? Ist Paps schon da?“ Uwe grinste und winkte ab. „ Schon lange, Kleiner. Und ganz seltener Besuch auch…“ Ich sah ihn fragend an, und in meinem Kopf ging eine rote Lampe an: seltener Besuch… Leise begab ich mich zur angelehnten Wohnzimmertür und schielte vorsichtig um die Ecke.

Und noch bevor ich mich´s versah,flog mir ein breit grinsender Mund mit signalrotem Lippenstift entgegen.

D.Harms © 2007


Antworten

  1. Dann verbeuge ich mich dankbar. Und nach Knicks und Diener nehme ich wieder den Stift iin die Hand und schreibe weiter….:-)

  2. Ich sitze hier allein im Raum und hab 3 Mal leise vor mich hin gegluckst… Das passiert mir nicht alle Tage. Wieder ein donnernder Applaus aus meiner Richtung!


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