Kurzgeschichte. Meine Nachbarn sind zu beneiden: Sie grüßen mich nicht mehr. Sie kennen mich nicht. Recht haben Sie. Das will ich nun auch – mich nicht mehr kennen. Hätte gestern früh fast geklappt, vor dem Badezimmerspiegel. Frei nach dem Motto: Dich kenne ich zwar nicht, aber ich rasiere dich trotzdem. Scheißalkohol. Die zweite Flasche Weinbrand muss schlecht gewesen sein, vorgestern abend.
Und nun übersehen mich die Nachbarn geflissentlich, und das nur, weil sie mich am Abend vorher nicht überhören konnten. Und meine Stereoanlage auch nicht. Und meine Gäste erst recht nicht. Manchmal kenne ich mich auch selbst nicht mehr. Ich rede auch schon gar nicht mehr mit mir. (Früher hatte ich mal gelesen, Selbstgespräche seien gesund. Besonders für Alleinlebende. Seit ich eines Nachts träumte, meine Wohnung sei verwanzt, schreibe ich lieber. Mit Geheimtinte. Man kann ja nie wissen…)
Heute in der Vorlesung hätte ich etwas drum gegeben, mich nicht zu kennen. Nur in Deutsch funktioniert das tatsächlich: Da bin ich quasi ein Anderer. Aber als meine Banknachbarin angwidert von mir weg rückte, kaum dass sie meiner ansichtig wurde und mich daran erinnerte, dass ich ohne Hose getanzt und ein Hängeregal sowie eine Vitrine auf dem Gewissen hatte, kannte ich mich endlich selbst nicht wieder. War das noch ich?
„He, was ist mit dir? Du bist dran! Schläfst du? Junge, du bist ja nicht wieder zu erkennen!“ Wie Recht die Bergert, unsere Deutschdozentin doch hatte.
Bestimmt hatte sie heute früh auch in meinen Badezimmerspiegel gesehen. harDi


feine Kurzgeschichte….sehr authentisch, nah am Leben, ich kann mich gut reinfühlen.. mehr davon!
Von: fensterglaslyrik am 24. Mai 2009
um 16:15
Während ich deine, übrigens nette, Geschichte lese, kommt mir die Überlegung, ob es nicht besser ist einen Wohnwagen zu bewohnen. Da kann man schnell die Nachbarschaft wechseln.
LG Bernd
Von: Bernd am 30. Mai 2009
um 11:08
@Bernd: da ist was dran
wobei die Geschichten nicht immer selbst erlebt sind, die ich schreibe… Manchmal teilweise, manchmal gar nicht…manchmal auch nahezu vollständig wie zum Beispiel „Freitag, Aber nicht der dreizehnte“. Stell dir vor, ich hätte „Der Anrufer“ selbst erlebt… echt crass,oder?
Von: harDi am 30. Mai 2009
um 12:47