Verfasst von: harDi | 12. November 2009

Kunde droht mit Auftrag

Kurzgeschichte. Normalerweise bin ich ein pflegeleichter Kunde, aber in dieser verrückten Welt komme auch ich mal vom rechten Weg ab. Neuerdings zähle ich zu einer Randgruppe der Gesellschaft – zu den Vertriebenen…

RadiorecorderSilva214RRWas macht diese Gesellschaft nur mit uns? Sie zwingt einen dazu, Leute zu verarschen, auch wenn man es nicht will. Jedenfalls enstpricht es nicht meiner Natur. Aber wenn ein Rundfunk- und Fernsehhändler eine Verkaufsallergie hat und ohne sich morgens Kontaktspray in seine behaarten Achseln zu sprühen, seine Kundenphobie nicht in den Griff bekommt, weil er den Kontakt zu Menschen scheut, und wenn diese Kreatur mich als Kunden dann verschaukelt, dann erwacht meine dunkle Seite.

Eines Tages erhalte ich eine kleine, kuschelige Prämie von meinem Arbeitgeber, so dass ich daran denke, mir einen kleinen Zweitfernseher und einen Radiorecorder für Küche und Garage zu kaufen. Also gehe ich in einen kleinen Fernsehladen, wo es gebrauchte und neue Geräte der unteren und mittleren Preisklasse gibt. Ich denke noch: Naja, der Laden ist in meinem Stadtteil – ich muss ja nicht immer zum Ich-bin-doch-nicht-blöd-Markt oder zur Geiz-ist-Geil-Filiale in unserer Stadt fahren – den kleinen Ladenbesitzern muss man auch mal helfen. Der Laden heißt auch noch „Der Markenprofi“ – und so bin ich schon auf den guten Service gespannt, den ich aus dem Wort so herauslese.

Aber der phlegmatische Verkäufer würdigt mich keines Blickes, als ich seine heilige kleine Bude betrete. Achso, denke ich: Markenprofi – achso,  der war bestimmt mal bei der Post, also ein Ex-Beamter. Von seiner energiesparenden Bewegungsweise her käme das hin. Ich blicke mich um, bleibe lange vor einem gebrauchten Flachbildfernseher stehen – da registriere ich eine Bewegung in den Augenwinkeln. Der Verkäufer, den ich als solchen nun erkenne, da er sich kurz hinter dem Ladentisch bewegt, scheint menschliches Leben in seinem Umfeld erkannt zu haben.

„Hallo. Ich suche so etwas hier wie diesen Fernseher. Der gefällt mir.“, gebe ich ihm ein Kaufsignal. „Jaja. Mir auch. Das ist ein Gebrauchtgerät. Und das hier ist die Fernbedienung.“ Angenehm, Schulz, nicke ich dem Stück Plaste zu, welches er mir in die Hand gibt. Er hält es mir wie einen Knochen hin. Ich denke: Na gut. Und ich nehme die Fernbedienung. Leider kann ich mit ihr unser Gespräch nicht vorspulen, so sehr ich sie auch in seine Richtung halte.

„Der Preis ist auch gut.“ Ich schaue zur Uhr, er schließt gleich.

„Ich möchte ihn morgen kaufen.“ Das hat gesessen. Aber nun erstaunt mich mein Gesprächspartner: Er nickt! Ein Wunder, dass ihm davon nicht schwindlig wird. Ich habe aber noch ein Anliegen und erzähle ihm von meinem zweiten Wunsch, dem Recorder. Er soll Cd´s abspielen und einen USB-Anschluss haben, für Musik von USB-Sticks. Und noch mal ernte ich ein Nicken. Dann folgen zwei ganze Sätze.

„Da muss ich telefonieren. Wenn Sie morgen kommen, zeige ich Ihnen einen Recorder.“ Das freut mich. Als Ossi habe ich noch nie einen gesehen.

Also gehe ich davon aus, dass ich am nächsten Tag um einen Fernseher und ein Radio reicher bin und strahle wie eine Zimmerantenne. Der Verkäufer steht schon lange wieder hinter seinem Ladentisch und verabschiedet mich aus sicherer Distanz.

Dann habe ich endlich Feierabend am darauffolgenden Tag und bewege mich langsam zu dem Laden. Ich bin aufgeregt und möchte eigentlich meine Geräte bezahlen und nichts wie nach Hause, um sie auszuprobieren.

Wäre ich ein Hund, ich würde nun schwanzwedelnd und voller Erwartung vor dem Verkäufer stehen. Da ich aber nicht mit dem Schwanz wedle, bleibt der Verkäufer, diese fleischgewordene Valiumtablette gaaanz ruhig. Wäre er anderenfalls wohl auch. Den bringt nix aus der Ruhe, denke ich bei mir. So teilnahmslos, wie der guckt, glaube ich fast, in seinen Pupillen „stand by“ lesen zu können.

Den Fernseher suche ich vergebens im Laden – „ich habe ihn verkauft.“, bekomme ich zur Antwort. Ach, so ist das.

Ich frage also nach dem Recorder, den ich ebenfalls vergeblich im Laden suche, und diesmal lautet die Antwort immerhin: „Ich zeige ihnen was.“ Auch noch Exhibitionist, denke ich. Und schüttle mich unwillkürlich. Aber er stellt sich hinter den Ladentisch, fingert an der Maus rum, und bedient die Tastatur im Kolumbussystem: Jeder Buchstabe – eine Neuentdeckung.
Von Adlersystem kann keine Rede sein, denn Adler fressen ja ständig. Sie stossen also immer wieder hinab, während der erste Bus nach Amerika, also dieser Kolumbus, ja nur eine Neuentdeckung vollbrachte – und auch das ist noch umstritten. Schließlich war Vasco da Gama früher da.

Aber zurück zu unserem Helden des Alltags, dem Ex-Postbeamten, der gerade von seinem Computermonitor eingeschläfert zu werden scheint. Seine Lider werden schwer, aber plötzlich kommt Bewegung in den Menschen, als hätte  ihn jemand wieder mit einem Schlüssel im Rücken aufgezogen. Er dreht langsam den Monitor in meine Richtung und präsentiert mir einen Recorder mit CD-Player, Radio und USB-Anschluss, allerdings im Internet. Der sei cool, den würde er bestellen können. (Und wenn ich nun einen anderen möchte?)

Das enttäuscht mich. Und dafür lässt dieser Testbildgucker mich hier antanzen? Verkauft den Fernseher, den ich kaufen wollte, und zeigt mir ein Radio im Internet? Internet habe ich auch, dann bestelle ich mir den selbst, denke ich und fange nun an, den schläfrigen Nichtskönner meinerseits zu verarschen.

„Ja, den nehme ich.“
„Der kostet aber 69,95!“ Was war das denn?? Ach, der will gar nichts verkaufen? Ich wollte schon antworten: „ Achso, na dann… Das wusste ich nicht, sorry.“
„Ja, ist okay.“, sage ich stattdessen.
„Dann bestelle ich den. Morgen habe ich das Gerät dann da.“ Oh, war das ein Verkaufsversuch? Freundchen, du glaubst doch nicht, dass ich nach dieser Nummer hier ein drittes Mal angedackelt komme? „Au fein. Das klappt ja gut.“, lüge ich ihn an. So, da hast du den Schlamassel, du Siebenschläfer: Kunde droht mit Auftrag! Jetzt wäre es als Hund an ihm gewesen, vor Freude und Dankbarkeit mit dem Schwanz zu wedeln. Bildlich gesprochen. Dass er es zum  Glück nicht tut, liegt entweder an seiner Bewegungsresistenz, oder daran, dass er kein Hund ist.  Mit diesem Gedanken überlasse ich den Profi wieder seinen Marken und subtrahiere mich gruß- und gerätelos aus seiner Technik-Buchte.

Den Recorder wird er wohl auch ohne mich losgeworden sein. Jetzt, da ich diese Begebenheit aufschreibe, stelle ich fest – der Fernseher gefällt ihm selbst, den Recorder findet er cool – am Ende verkauft er alles an sich selbst? Dieser Verkäufer ist ein Prototyp des Vertriebes – er vertreibt nur, was ihm gefällt. Plötzlich stockt mir der Atem. Ein furchtbarer Gedanke schießt mir durch den Kopf: Am Ende gefalle ich ihm auch?  Denn immerhin: Mich hat er  auch vertrieben. -(c)2009-

nachtrag: meine dunkle seite beschränkte sich dieses mal noch darauf, diesen text zu verfassen….nächstes mal – wer weiss? 8)


Antworten

  1. Hi Dirk, schön wieder etwas lesbares in deiner kleinen Oase der Dichtkunst zu finden. Herzlichen Glückwunsch zur Wiedergeburt.

  2. Ja, da bin ich wieder… ;-)

    Tja Bernd, manche Leute vertreiben alles – auch die Kunden – ich habe übrigens einen solchen Recorder dann für 29,95 bekommen…aber anderswo.

    Wenn ich jemanden gefunden hätte, der Interesse für den Recorder zu 69,95 geäußert hätte, den er ja nun bestellt und live im Laden hatte – mich hätte interessiert, wie oft der dann hätte antanzen müssen….


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